Das Nationalmuseum Der Palast der Großfürsten von Litauen EN  /   LT  /   FR  /   IT   /   PL  /   RU 
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DIE GESCHICHTE DES PALASTES
Der Palast der Großfürsten von Litauen

Alexander der Jagiellone
Sigismund August
Kachel mit dem Wappen des Großfürstentums Litauen, 16. Jh.
Südwestliche Palastansich, um 1797, Zeichnung von Pranciškus Smuglevičius

Die Großfürsten von Litauen residierten sowohl in der Oberen als auch in der Unteren Burg der Hauptstadt Vilnius. Als Hauptresidenz bis zur Wende 15./16. Jahrhundert diente die Oberburg, auf deren Gelände bis heute Ruinen des ehemaligen gotischen Palastes zu sehen sind. Gleichzeitig war im 15. Jahrhundert die Burg von Trakai – 30 Kilometer südwestlich von Vilnius –  ein bevorzugter Aufenthaltsort der litauischen Großfürsten.

Als Ausdruck der besonderen Stärke des mittelalterlichen litauischen Staates, der sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte, ließ Großfürst Vytautas (1392–1430) die Vilniusser Burgen erweitern. Hier war seine Krönung zum König von Litauen geplant.

Wahrscheinlich war es Großfürst Alexander der Jagiellone (1492–1506), der die Herrscherresidenz von der Oberen Burg in die Untere Burg verlegte und einen Palast im spätgotischen Stil errichten ließ, der den Repräsentationserfordernissen der Zeit Rechnung trug. Die unter Sigismund dem Alten (1506–1548), Großfürst von Litauen und König von Polen, erfolgten Erweiterungsarbeiten im Renaissance-Stil fanden kurz vor dem Brand von Vilnius (1530) ihren Abschluss. Der Umbau des Palastes zu einem modernen repräsentativen Herrschersitz der Gediminiden-Jagiellonen-Dynastie ist auf das Engste mit Sigismunds zweiter Gattin Bona Sforza (Tochter des Herzogs von Mailand Gian Galeazzo Sforza und der Herzogin von Bari Isabella von Aragon) verbunden. Neben dem aus Rom oder Florenz stammenden italieni­schen Meister Bernardino Zanobi de Gianotis dürften bei der Umgestaltung auch die Architekten Bartolomeo Berrecci aus Pontassieve und Benedikt aus dem polnischen Sandomierz mitgewirkt haben. Eine abermalige Erweiterung erfuhr der Palast unter Sigismund August (1544–1572 litauischer Großfürst, ab 1548 auch polnischer König), dem letzten Vertreter der litauischen Jagiellonen-Dynastie auf dem litauisch-polnischen Thron. Auf seine Initiative wurde der „Neue Palast“-Anbau unter Aufsicht des italienischen Architekten und Bildhauers Giovanni Cini aus Siena durchgeführt, unter Mitarbeit von Giovanni Maria Mosca Padovano, Filippo Bartolomeo aus Fiesole sowie litauischen, preußischen, deutschen, polnischen und böhmischen Meistern.

Auch die nachfolgenden Herrscher des litauisch-polnischen Doppelreiches aus dem schwedischen Königsgeschlecht Wasa – Sigismund (1587–1632) und Ladislaus (1632–1648) – schenkten der Residenz in Vilnius große Beachtung. Von hier aus koordinierten sie die Politik mit Moskau und Schweden. Nach dem großen Stadtbrand von 1610 wurde der Palast unter den niederländi­schen Bauherren Peter Nonhart und Wilhelm Pohl im Stil des nordeuropäi­schen Manierismus erneuert. Nur wenig später, in den 1620er Jahren, erfolgte der Umbau in eine Prachtresidenz mit charakteristischen Zügen des italienischen Frühbarocks. In dieser Zeit entstand auch die St. Kasimir-Kapelle als Anbau der Vilniusser Kathedrale, wie der Palastumbau unter Bauaufsicht der Brüder Costante und Jacopo Tencalla, die in Rom mit dem großen Barockarchitekten Carlo Maderno gearbeitet hatten.

Im 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebte der Vilniusser Palast der Großfürs-ten von Litauen und Könige von Polen seine Blütezeit. Hier wurden Gesandte des Heiligen Römischen Reiches und des Papstes, von ganz Europa und Nahost – Persien, Türkei, Moskau, Ungarn, Frankreich, Spanien, Venedig, Toskana, Mantua, Ferrara – empfangen. Die Herzöge von Kurland und von Preußen leisteten im Vilniusser Palast den Vasalleneid. Hier trafen die letzten Jagiellonen und die Herrscher aus dem Wasa-Geschlecht ihre wichtigsten politischen Entscheidungen. Im Palast wurden Privilegien verliehen, Sitzungen des Staatsrats und des Adelsparlaments abgehalten und Gerichtsverhandlungen durchgeführt. Hier erfolgte die Überarbeitung des Litauischen Statuts (Verfassung und Gesetzbuch). Der Palast beherbergte die Staatskasse, die staatliche Münze und die „Lietuvos Metrika“ (Archiv des Großfürstentums Litauen). Sigismund August verfügte über eine große Bibliothek und beeindruckende Sammlungen von Gobelins, Waffen, Panzerrüstungen, Gemälden und Jagdtrophäen. Die großfürstliche Schatzkammer nötigte sogar dem päpstlichen Legaten Bernardino Buongiovanni Bewunderung ab. Der prunkvoll eingerichtete Vilniusser Palast mitten in einem weitläufigen Park war zu einem Kultur- und Kunstzentrum der Renaissance und des Frühbarocks geworden, das weit nach Mittel- und Nordeuropa strahlte.

Der Niedergang setzte 1655 mit dem Einfall der Moskauer Truppen und Kosakenhorden ein, die sechs Jahre lang in den Gebäuden der Vilniusser Burgen hausten und sie plünderten. Zusätzlich hinterließ der Befreiungskampf schwere Schäden – nach der Gefangennahme der Moskauer Soldaten (1661) blieben eine stark zerstörte Burganlage und ein kahler Palast zurück. Aufgrund der leeren Staatskasse Litauens war an eine Restaurierung nicht zu denken.

Nach der dritten Teilung der Republik Beider Nationen (des polnisch-litaui­schen Doppelreiches) 1795 betrieb das russische Zarenreich eine bewusste Politik der Tilgung aller Symbole litauischer Staatlichkeit – selbst die Mauern des Palastes wurden abgetragen (1799–1801). Während des missglückten litauisch-polnischen Aufstandes gegen das imperiale Zarenreich (1831) nahmen auch die Fundamente des ehemaligen Palastes Schaden, da die Russen dort Verteidigungsgräben für die Errichtung einer Festung aushoben.

Erst gegen Ende der fast 50 Jahre dauernden sowjetischen Okkupation und mit dem Aufkommen einer Unabhängigkeitsbewegung 1987 konnten umfangreiche systematische archäologische Forschungen aufgenommen werden. Die Grabungen förderten rund 300.000 Fundstücke zutage.

2000/2001 befürworteten Seimas (Parlament) und Regierung Litauens den Wiederaufbau des ehemaligen Palastes der Großfürsten von Litauen auf dem Gelände der Unteren Burg. Die Wiedererrichtung des Palastes wird seiner früheren kulturellen und historischen Bedeutung gerecht – die Wiederkehr eines für das nationale Selbstbewusstsein Litauens so wichtigen Symbols der staatlichen Souveränität und die Manifestation der histori­schen Wahrheit. 2009 wurde das Nationalmuseum Palast der Großfürsten von Litauen als Museum der historischen Residenz gegründet. Neben Dauerausstellungen mit teilweise rekonstruiertem historischem Interieur werden Wechselausstellungen gezeigt sowie Bildungsprogramme, Konzerte, Konferenzen und staatliche Repräsentationsveranstaltungen stattfinden.


Wichtige Daten zur Geschichte des Palastes der Großfürsten von Litauen

4.–8. Jahrhundert Befestigte Siedlung (Holzbauten) am späteren Palaststandort

2. Hälfte des 13. Jahrhunderts–1. Hälfte des 14. Jahrhunderts Integra­tion eines Teils der Siedlung in die Burg und Entstehung der ersten Steinbauten im vorgotischen und gotischen Stil unter der Herrschaft von König Mindaugas (1253–1263) oder Großfürst Gediminas (1316–1341)

1402 Letzter Angriff des Deutschen Ordens auf die Vilniusser Burgen

1413 Schriftliche Erwähnung eines Aufenthaltes von Großfürst Vytautas in der Unteren Burg

1413–1414 Ghillebert de Lannoy, Gesandter des Herzogs von Burgund, besucht die Vilniusser Burgen und hält seine Eindrücke schriftlich fest

1455–1468 Elisabeth von Habsburg, Gemahlin Kasimirs des Jagiellonen, Tochter von Albrecht II. (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, König von Böhmen und Ungarn), bekannt als „Mutter der Könige“, hält sich mehrmals in den Vilniusser Burgen auf

1495 Vermählung von Alexander dem Jagiellonen (ab 1492 Großfürst von Litauen, ab 1501 auch König von Polen) mit Helena, Tochter des Großfürsten von Moskau Iwan III.

Ende des 15. Jahrhunderts–Anfang des 16. Jahrhunderts Vermutlich verlegt Alexander der Jagiellone die Residenz von der Ober­burg in die Untere Burg und lässt einen Palast im spätgotischen Stil errichten

1517 Siegmund Freiherr von Herberstein (1486–1566), Gesandter der Kaiser Maximilian I. und Ferdinand I., führt erfolgreich Unterhandlungen bezüglich der Heirat von Sigismund dem Alten und Bona Sforza, Tochter des Herzogs von Mailand Gian Galeazzo Sforza

Vor 1530 Palastausbau unter Sigismund dem Alten zu einer modernen Renaissance-Residenz

1529 Sigismund August, Sohn von Sigismund dem Alten und Bona Sforza, wird neunjährig in den Rang eines litauischen Großfürsten erhoben

Nach 1544 Sigismund August lässt die großfürstliche Residenz um den so genannten „Neuen Palast“ erweitern

1544–1545 Elisabeth von Österreich (in Vilnius gestorben, in der Krypta der Vilniusser Kathedrale beigesetzt), erste Frau von Sigismund August, Tochter des Kaisers Ferdinand I., hält sich im Palast auf

1545–1546, 1551 Albrecht von Hohenzollern, Herzog von Preußen, weilt im Palast, später schenkt er seinem großfürstlichen Vetter Sigismund August Gemälde, Waffen, Wein und Pferde

1554–1563 Katharina von Habsburg, dritte Frau und Schwester der ersten Gattin von Sigismund August, hält sich zeitweilig im Palast auf; ihre schriftlich festgehaltenen positiven Eindrücke von Vilnius sind erhalten

1562 Heirat von Katharina, Schwester von Sigismund August, mit dem späteren König von Schweden Johann III. Wasa

Um 1585 Großfürst und König Stephan Bathory empfängt den Apostolischen Nuntius Ippolito Aldobrandini, den späteren Papst Clemens VIII.

Nach 1610 Nach dem großen Stadtbrand von 1610 lässt Sigismund Wasa, Sohn von Johann III. Wasa und Gattin Katharina, den Palast im Stil des nordeuropäischen Manierismus erneuern

Nach 1624 Unter Sigismund Wasa und seinem aus der Ehe mit Anna von Österreich hervorgegangenen Sohn Ladislaus Wasa wird der Palast zu einem prächtigen Barockbau umgebaut

1636 Im Palast wird die erste Oper in Litauen aufgeführt: „Il ratto di Helena“ (Die Entführung der Helena), Musik: Marco Scacchi, Libretto: Virgilio Puccitelli

1639 Jakob Kettler, Herzog von Kurland, leistet Ladislaus Wasa den Vasalleneid

1643 Prinz Waldemar Christian, Sohn des dänischen Königs Christian IV., weilt im Palast

1644 Ladislaus Wasas erste Frau, Cäcilia Renata von Österreich, Tochter von Kaiser Ferdinand II., stirbt bei der Geburt des dritten Kindes im Palast

1648 Ladislaus Wasa plant die Auszeichnung des französischen Ordens vom Heiligen Geist entgegenzunehmen; Ladislaus Wasas zweite Gattin Ludwika Maria Gonzaga de Nevers, Adoptivtochter des französischen Königs Ludwig des XIV., hält sich im Palast auf

1655 Moskauer Truppen besetzen die litauische Hauptstadt Vilnius, plündern und verheeren den Großfürstenpalast

1661 Die besiegten Moskauer Soldaten werden gefangen genommen und lassen eine stark zerstörte Burganlage mit einem kahlen Palast zurück

2. Hälfte des 17. Jahrhunderts–18. Jahrhundert Litauische Adlige verlangen wiederholt die Renovierung des Palastes als Sitz der litauischen Großfürsten

2. Hälfte des 18. Jahrhunderts Litauische Adlige und Vilniusser Bürger erhalten die Erlaubnis zur Wohnungsnahme im Palast; Überlegungen für eine mögliche Verlegung von staatlichen Behörden in den Palast

1799–1801 Abtragung des Palastes der Großfürsten von Litauen unter der russischen Zarenherrschaft

1831 Auf dem Gelände des ehemaligen Großfürstenpalastes wird eine Festung errichtet

2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Nach der Zerstörung der Festung wird das Gelände planiert und ein Park angelegt

1987 Mit dem Beginn der litauischen Unabhängigkeitsbewegung beginnen auch systematische archäologische Forschungen und Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Palastes; Idee, den Großfürstenpalast wiederaufzubauen

2000/2001 Seimas (Parlament) und Regierung der Republik Litauen befürworten die Wiedererrichtung des Palastes der Großfürsten von Litauen

10. Mai 2002 Feierliche Grundsteinlegung für den Palast-Wiederaufbau

6. Juli 2009  Symbolische Eröffnung des Palastes der Großfürsten von Litauen

 

Autor: Vydas Dolinskas
Fotos: Vytautas Abramauskas, Antanas Lukšėnas



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